Deutschland 1992: Rostock-Lichtenhagen im August, Mölln im November. Solingen und Lübeck werden folgen. Rechtsextreme Anschläge beherrschen das wiedervereinte Land. In Mölln brennen die Wohnhäuser zweier türkischer Familien. Drei Menschen sterben, es gibt viele Verletzte. 30 Jahre sind vergangen – und in Mölln erfährt Ībrahim Arslan von Briefen, wegsortiert in einem Archiv. Es sind Briefe aus der Bevölkerung, die direkt nach den Anschlägen an die betroffenen Familien gerichtet waren, aber dort nie ankommen sollten. Der Film zeigt die Fallstricke von Archivarbeit– denn hinter jeder Ordnung herrschen Machtstrukturen. Martina Priessner begleitet die Geschwister Arslan, aber auch andere Überlebende, und gibt damit denen eine Stimme, die viel zu lange nicht gehört wurden. Ihre Kamera wird zu einer Geste der Solidarität: Traumata, die sich in Körper eingeschrieben haben, werden sichtbar. So zeigt sich, dass rechtsextreme Gewalttaten überdauern – während sie von den Titelseiten verschwinden, schneiden sie sich massiv in Lebenswege ein. Dort, wo eine gegenwärtige Gesellschaft wieder nach einer Kultur des Erinnerns sucht, hat Priessner sie gefunden: Ihr Film zeigt Menschen, die in den Dialog treten, die nicht aufhören, an hermetische Behörden Fragen zu richten. Dabei unterteilt der Film nie in Gut und Böse – sondern schafft einen Raum, in dem sich Archivare selbst entlarven und ein gemeinschaftlicher Archivbesuch als Rückeroberung der eigenen Geschichte in Erinnerung bleiben wird.
Über die Regie
Martina Priessner lebt als Autorin und Filmemacherin zwischen Berlin und Istanbul. Seit vielen Jahren arbeitet sie zur deutsch-türkischen Migration. 2010 realisierte sie den Dokumentarfilm Wir sitzen im Süden, der für den Grimme-Preis nominiert wurde. 2013 entstand ein Found-Footage-Film über die Gezi-Park-Proteste in Istanbul. Von 2008 bis 2010 arbeitete sie am Ballhaus Naunynstraße als Dramaturgin. Sie erhielt Stipendien des Nipkow-Programms, der DEFA-Stiftung und der Kulturakademie Tarabya. Zuletzt erhielt sie für Die Wächterin beim DOK Leipzig 2020 den Dokumentarfilmpreis des Goethe-Instituts.